Kfz-Branche drückt aufs Gas

Autorin: Jenny Eberhardt, Germany Trade & Invest

Prognosen für 2018 überwiegend positiv

Bonn (GTAI) - In Lateinamerika spielt sich nicht zuletzt aufgrund mangelnder Schienennetze ein Großteil des Verkehrs auf der Straße ab. Sowohl die Produktion als auch Absatz und Export von Kfz entwickeln sich auf den wichtigsten Märkten der Region positiv. Die deutschen Exporte stiegen in den letzten Jahren nur in wenige Länder, legen aber wieder zu.

 

Der Absatz von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen (Nfz) hat 2017 in den meisten Märkten Lateinamerikas zugelegt. Der Scotiabank zufolge stiegen die Verkaufszahlen in den südamerikanischen Ländern durchschnittlich um 13 Prozent. Im Oktober 2017 lag der Pkw-Absatz in Südamerika sogar um ein Drittel über dem des Vorjahresmonats - die höchste Steigerung seit April 2013. In Mexiko hingegen waren die Verkäufe 2017 um knapp 5 Prozent rückläufig. Gute Prognosen gibt es für Argentinien, Brasilien, Chile und Peru, während in Kolumbien die schwache Wirtschaft den Absatz drückt.

 

Für die deutschen Automobilexporteure waren die letzten Jahre durchwachsen. In Brasilien brach mit der Gesamtwirtschaft auch der Kfz-Sektor ein. Zwischen dem Rekordjahr 2013 und 2016 gingen die deutschen Exporte wertmäßig um fast 80 Prozent zurück. In Argentinien wird nach einer langen Durststrecke seit der wirtschaftlichen Öffnung viel Neugeschäft gemacht - 2016 setzten deutsche Exporteure dort fast siebenmal so viel um wie im Jahr zuvor. Auch nach Chile wurden 2016 mehr deutsche Autos exportiert als 2015 (+13 Prozent), jedoch hatte der Wert 2014 schon einmal deutlich darüber gelegen. Die deutschen Pkw-Ausfuhren nach Mexiko, Kolumbien und Peru gingen zwischen 2014 und 2016 zurück.

Mit Blick auf die gesamten Auslieferungen in Südamerika berichtet VW von einer Steigerung um 22 Prozent in den ersten drei Quartalen 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Mercedes-Benz erhöhte vor allem seine Transporterverkäufe in Lateinamerika. Diese lagen 2017 fast ein Drittel über denen von 2016. Entgegen dem insgesamt rückläufigen Inlandsabsatz von Pkw in Mexiko verkaufte BMW von Januar bis September 2017 dort 10 Prozent mehr Fahrzeuge als in der Vorjahresperiode.

 

Eine Befragung der Deutschen Welle zeigt, dass weder der Abgasskandal noch die Mitte 2017 aufgekommenen Vorwürfe der Kartellbildung dem Ansehen deutscher Autohersteller geschadet haben. Das Label „Made in Germany“ genießt in Lateinamerika demnach weiterhin einen hervorragenden Ruf.

 

 

Digitale Impulse für Nutzfahrzeugbranche

 

Dem „Global Automotive Executive Survey 2018“ des Beratungsunternehmens KPMG zufolge sind viele Kfz-Produzenten und Zulieferer nicht ausreichend auf das digitale Zeitalter vorbereitet. Laut Hernán Cavarra, Mobility Industry Analyst bei dem Marktforscher Frost & Sullivan, werden Telematik und Vernetzung vor allem in Lateinamerikas Nutzfahrzeugmärkten eine größere Rolle spielen. Gründe dafür seien unter anderem die vielerorts mangelhafte Infrastruktur und hohe Logistikkosten. Das belegt auch der Logistics Performance Index der Weltbank, in dem sich 2016 kein lateinamerikanisches Land im oberen Drittel des Rankings befand. Lösungen bieten Technologie-Start-ups wie TruckPad, uShip und RIO. Das brasilianische Start-up TruckPad hat eine App auf den Markt gebracht, mit der Kunden Frachtaufträge an selbstständige Lkw-Fahrer übermitteln können. Fast ein Drittel aller Lkw-Fahrer in Brasilien arbeitet auf selbstständiger Basis. Durch die Direktvermittlung können Routen optimiert und Kosten gespart werden.

 

Deutlich anziehen wird laut Frost & Sullivan das Geschäft mit Gebrauchtwagen. Prognosen zufolge soll der Markt in ganz Lateinamerika bis 2022 jährlich um 3,4 Prozent auf 22,4 Millionen verkaufte Fahrzeuge wachsen. Auch hier kommt Start-ups und Apps eine tragende Rolle zu, da diese durch innovative Geschäfts- und Finanzierungsmodelle neue Käufergruppen erreichen können.

 

 

Mexikanische Kfz-Produzenten auf der Überholspur

 

Lateinamerikas größter Kfz-Fabrikant Mexiko erwartet 2018 neue Rekorde. Bereits 2017 konnten die mexikanischen Hersteller ihre Produktion um 9 Prozent auf fast 3,8 Millionen Einheiten steigern. Laut dem Branchenverband AMIA könnten es 2018 erstmals über 4 Millionen sein. Das macht den Markt für deutsche Zulieferer weiterhin attraktiv.

 

Mexiko produziert überwiegend für den US-amerikanischen Markt. Entsprechend gehen 2018 Schätzungen zufolge 3,2 Millionen der 4 Millionen produzierten Fahrzeuge in den Export, davon rund drei Viertel in die USA, gefolgt von Kanada und Deutschland. Neben neuen Werken von Mercedes-Benz (mit Nissan), BMW und Toyota baut eine Reihe von Herstellern bestehende Produktionsstätten aus. Entgegen früherer Pläne kündigte Ford an, zukünftig einen vollelektrischen SUV in Mexiko zu produzieren.

 

Die Stärke bei den Ausfuhren spiegelt sich nicht im Inlandsabsatz wider. Nach Jahren des Booms sanken die Verkäufe 2017 um 5 Prozent auf 1,5 Millionen Fahrzeuge. Für 2018 prognostiziert der Kfz-Händlerverband AMDA einen Verkaufsrückgang um 1 Prozent. Gründe dafür seien die offenen Nafta-Verhandlungen, die gestiegene Inflation und die politische Unsicherheit im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen Mitte des Jahres.

 

 

Automobilbranche in Brasilien nimmt wieder Fahrt auf

 

In Brasilien brachte 2017 dem Automobilsektor die lang erwartete Wende. Nach vier Jahren Absatzminus steigt die Nachfrage wieder und soll auch über 2018 hinaus weiter zulegen. Die Kfz-Produktion ist 2017 um 25 Prozent gewachsen. Für 2018 erwartet der Branchenverband ANFAVEA eine Zunahme um 13 Prozent. Dennoch waren zum Jahresende allein in der Pkw-Produktion 47 Prozent der Kapazitäten nicht ausgelastet. Zum Ausgleich exportieren die Hersteller mehr, wobei ihnen die Schwäche des Real hilft. In Kolumbien ist mittlerweile jedes dritte Auto brasilianischer Herkunft.

 

Die Regierung plant mit „Rota 2030“ ein neues Förderprogramm für die Kfz-Industrie, das Anfang März aber noch ausstand. Es sollte eigentlich zu Beginn 2018 in Kraft treten und das ausgelaufene Programm Inovar- Auto ersetzen. Rota 2030 gilt für 15 Jahre und bietet steuerliche Anreize, vor allem für F&E-Investitionen. Als Voraussetzung für eine Begünstigung müssen die Hersteller Ziele aus den Bereichen Energieeffizienz und Fahrzeugsicherheit umsetzen.

 

 

Neuer Auftrieb für Argentiniens Kfz-Sektor

 

Der Inlandsabsatz von Kfz in Argentinien boomt: Für 2018 wird ein Rekordverkauf von rund 1 Million Fahrzeugen erwartet, fast doppelt so viele wie 2016. Auch Produktion und Export entwickeln sich so gut, dass der Fachverband ADEFA zum Jahresbeginn seine Prognosen für 2018 nach oben korrigierte. Während um den Jahreswechsel noch mit einer Produktionssteigerung um 10 Prozent gerechnet wurde, liegt die Erwartung nun bei 20 Prozent. Ein Treiber für mehr Produktion ist die wieder steigende Nachfrage aus Brasilien, die auch die Exporte mächtig ankurbeln wird. Für 2018 erwartet ADEFA, dass über die Hälfte der produzierten Fahrzeuge exportiert wird. Das entspräche einer Steigerung von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

 

Argentiniens Konzentration auf die Herstellung von Pick-ups (bald 350.000 Einheiten pro Jahr und damit über die Hälfte der Gesamtproduktion) wird weiter verstärkt. Renault-Nissan und Mercedes-Benz wollen sich ab 2018 eine neue Plattform für Pick-up-Modelle teilen. Mercedes-Benz Vans investiert zudem 150 Millionen US-Dollar in die Fertigung der nächsten Generation des Modells Sprinter in Argentinien. VW steckt 560 Millionen Euro in die Herstellung eines neuen SUV-Modells, das ab 2020 speziell für den südamerikanischen Markt produziert werden soll.

 

 

Automobilbranche in Kolumbien erholt sich nur langsam

 

Kolumbiens Automobilbranche leidet unter dem schwachen Wirtschaftswachstum. Seit dem Rekordjahr 2014 schrumpft der Kfz-Absatz, 2017 im Vorjahresvergleich um 6 Prozent. Ab 2018 soll es wieder aufwärts gehen, laut BMI Research um 17 Prozent. Auch in den darauffolgenden Jahren sollen die Verkäufe weiter zunehmen. Aufgrund der noch sehr niedrigen Fahrzeugdichte dürfte Kolumbiens Marktpotenzial mittelfristig groß bleiben. Nur 10 Prozent der rund 50 Millionen Einwohner besitzen aktuell ein Fahrzeug.

 

Die kolumbianische Regierung hat die Mehrwertsteuer IVA für Elektro- und Hybridfahrzeuge auf 5 Prozent gesenkt, während für Benzin- und Dieselfahrzeuge 19 Prozent gelten. Der Marktanteil von Elektro- und Hybridfahrzeugen lag 2016 bei nur 0,1 Prozent. Marktführer bei Pkw waren 2016 Chevrolet und Renault. Ihre größten Konkurrenten sind asiatische Hersteller mit günstigen Modellen. Deutsche Anbieter sind vor allem im Premiumsegment stark vertreten.

 

 

Chile und Peru motorisieren sich

 

In Chile wird in Neuwagen investiert. Nach einem guten Jahr 2017 mit einer Absatzsteigerung von Pkw und Nfz um 17 Prozent prognostiziert der Fachverband ANAC für 2018 einen Zuwachs von etwa 9 Prozent auf 380.000 Fahrzeuge. Der Ausblick beruht auf der Erwartung, dass das Konsumentenvertrauen steigt und die große Auswahl an Automodellen und Finanzierungsmöglichkeiten bei niedrigen Zinsen bleibt. Der Lkw-Absatz wuchs 2017 schneller als der Gesamtmarkt.

 

Die Nachfrage nach elektrischen und Hybridfahrzeugen wird bei niedriger Ausgangsbasis zulegen. Angekurbelt wird sie durch strengere Auflagen der chilenischen Regierung zur Verminderung der Luftverschmutzung. Im chilenischen Winter von Mai bis August setzt die Hauptstadt Santiago de Chile 2018 einen Antismogplan um. In diesem Zeitraum gilt das Fahrverbot für Kfz, die vor dem Jahr 2011 hergestellt wurden, nicht nur - wie bisher - an bestimmten Tagen, sondern dauerhaft. Davon sind 61 Prozent der Fahrzeuge (1,1 Millionen Stück) betroffen.

 

Auch in Peru sollen die Pkw-Verkäufe in den kommenden Jahren kräftig zulegen. Nach einem leichten Einbruch 2016 ist der Absatz 2017 Schätzungen zufolge um 7 Prozent auf 190.000 Einheiten gestiegen. Aufgrund fehlender Produktion entsprechen in Perus Automobilbranche die Verkaufs- in etwa den Importzahlen. Marktführer sind asiatische Hersteller: Rang 1 belegt Toyota, gefolgt von Kia und Hyundai.

 

Mit Blick auf Perus Einwohnerzahl ist der Fuhrpark immer noch klein, statistisch gesehen teilen sich zwölf Einwohner ein Auto. Im Nachbarland Chile sind es 3,5 Personen, in Europa 2 und in den USA nur 1,4. Rund 1,6 Millionen Fahrzeuge und damit 60 Prozent des Fuhrparks sind in der 9-Millionen-Metropole Lima gemeldet. Die hohe Dichte ist auch auf das Bevölkerungswachstum der letzten Jahre zurückzuführen, womit der öffentliche Nahverkehr überfordert war.

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