Lateinamerikanische

Chemieindustrie erholt sich

Autorin: Gloria Rose, Germany Trade & Invest

Pharmabranche durchstand die Krise leichter

São Paulo (GTAI) - Nach den Wirtschaftskrisen in einigen Ländern steigt die lateinamerikanische Nachfrage nach chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen wieder. Agrarchemikalien gewinnen in Brasilien und Argentinien an Bedeutung. Insgesamt erwirtschaftet die Branche über 80 Prozent des regionalen Umsatzes in Brasilien, Mexiko und Chile. Viele deutsche Konzerne produzieren vor Ort. Neue Wachstumsimpulse ergeben sich in der Petrochemie und für die Lithiumgewinnung.

 

In Lateinamerika konzentriert sich die chemische Industrie mehr als anderswo auf die Produktion von Konsumentenchemikalien sowie anorganischen Erzeugnissen. Brasilien ist der mit Abstand bedeutendste Markt sowie Produzent von Chemikalien und Pharmazeutika. Die nächstwichtigsten Chemiemärkte sind Mexiko und Chile. Infolge von Wirtschaftskrisen stagnierte die regionale Produktion in den vergangenen Jahren, die Investitionen gingen stark zurück. Mit den gestiegenen Rohstoffpreisen und der wirtschaftlichen Erholung Lateinamerikas ergeben sich aber wieder positive Aussichten für den Sektor.

Für die deutsche Chemieindustrie ist Lateinamerika aufgrund der geografischen Entfernung weniger bedeutend als Handelspartner. Nur etwa 3,5 Prozent der deutschen Chemie- und Pharmaausfuhren gehen laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) in die Region. 2016 beliefen sich die deutschen Chemieexporte nach Lateinamerika auf knapp 4 Milliarden Euro und die Pharmaexporte auf weitere 2,4 Milliarden Euro. Die mit Abstand wichtigsten Märkte sind Brasilien und Mexiko, auf die zusammen mehr als 60 Prozent der deutschen Exporte in die Region entfallen.

 

Dafür sind insbesondere Brasilien und Mexiko bedeutende Produktionsstandorte der deutschen Chemie- industrie. Nach der Kfz-Branche ist die chemische Industrie in Lateinamerika der Sektor mit dem höchsten Zufluss von Direktinvestitionen aus Deutschland. Über 20 Prozent der deutschen Direktinvestitionen in die brasilianische Industrie wurden 2016 und 2017 von Chemieunternehmen getätigt (2017: 440 Millionen Euro).

 

Zwischen 2010 und 2014 stiegen die Investitionen der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie in Lateinamerika stark an, fielen jedoch 2015 und 2016 wieder auf das Niveau von 2010 zurück. Antrieb der deutschen Investitionen ist weniger die Kostenersparnis, sondern vielmehr die Markterschließung. In Umfragen werden Vertrieb und Kundennähe sowie die Produktion für den lokalen und regionalen Markt vorrangig genannt.

 

 

Brasiliens Chemieindustrie erholt sich wieder, verlor jedoch stark an Gewicht

 

Die dreijährige Rezession hat Brasiliens Chemieindustrie stark zugesetzt. Bei der Produktion fiel das Land im internationalen Ranking von Platz sechs im Jahr 2014 auf den achten Platz zurück. 2017 stieg die Industrieproduktion erneut an und damit auch die Nachfrage nach Industriechemikalien, die etwa die Hälfte des Branchenumsatzes ausmacht. Die gestiegenen Strom- und Erdgaspreise treiben jedoch die ohnehin hohen Produktionskosten weiter in die Höhe und verringern die Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Chemieindustrie.

 

Bei einem Anstieg der Nachfrage nach Industriechemikalien um 6 Prozent nahm die inländische Produktion 2017 um knapp 2 Prozent zu, während die Importe ein Plus von 21 Prozent verzeichneten. Der Branchenverband Abiquim fürchtet einen weiter steigenden Importanteil, der den Verbandsangaben zufolge 2017 bereits bei 38 Prozent lag. Auch die stark geminderte Investitionstätigkeit bereitet sorge. Dahingegen durchlebte Brasiliens Pharmaindustrie die Rezession privilegiert, mit einem deutlichen und kontinuierlichen Wachstum.

 

Unter den chemischen Endprodukten ging die Nachfrage nach Farben und Lacken besonders stark zurück. Erst durch den Anstieg der Kfz-Produktion stabilisierte sich der Absatz 2017. Dahingegen profitierten Agrarchemikalien vom Rekorderntejahr 2016/17. Sie gelten ohnehin als Wachstumsgarant der Chemieindustrie. Die Kraftstoffnachfrage steigt wieder leicht trotz der drastischen Preissteigerungen infolge der neuen Preispolitik von Petrobras. Diese bewirkte auch den Anstieg der Kraftstoffimporte 2017 um über 20 Prozent. Unvollendete Raffinerien und Petrochemieprojekte könnten in den kommenden Jahren fertiggestellt werden. Verschiedene Regierungsprogramme setzten Anreize für die Petrochemie, die auch von der erneuten Investitionswelle im Öl- und Gassektor profitiert.

 

 

Ohne NAFTA muss sich der Sektor in Mexiko neu ausrichten

 

In Mexiko ist die Chemieindustrie mit einem Umsatzanteil von 30 Prozent besonders stark auf Grundstoffe für die Kunststoffherstellung (Polymere) ausgerichtet. Vorprodukte wie Ethylen und Polyethylen werden zum Teil importiert, hauptsächlich aus den USA. Umgekehrt gehen 45 Prozent der mexikanischen Chemieexporte in die USA. Entsprechend besorgt verfolgt der Sektor die Neuverhandlungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA.

 

Einige Projekte sorgen bereits für eine steigende Ausbringung petrochemischer Basisprodukte, allen voran die Großanlage Etileno XXI, die 2016 den Betrieb aufnahm. Weitere Fabriken des Staatskonzerns Pemex sowie von Mexichem und Solvay befinden sich im Bau. Darüber hinaus investiert Pemex in die Modernisierung der sechs Raffinerien. Angesichts der zunehmenden Importabhängigkeit von den USA ist auch der Bau neuer Raffinerien im Gespräch. Die Investitionen summierten sich 2017 ebenso wie im Vorjahr auf 3,5 Milliarden Euro.

 

Der mexikanische Arzneimittelmarkt schrumpfte seit 2014 um mehr als 20 Prozent. 2017 stabilisierte sich der Absatz. Doch gestiegene Kosten für importierte Wirkstoffe hemmen die Produktion. Da auch die Pharmaindustrie hauptsächlich in die USA exportiert, sind die NAFTA-Verhandlungen entscheidend für die weitere Entwicklung. Derweil wachsen sowohl der Markt, als auch die Produktion von Kosmetika ungebremst.

 

 

Lithium wird Chiles Chemiebranche beleben

 

Die chilenische Chemie- und Pharmaindustrie erweist sich als sehr widerstandsfähig. Auch während des Verfalls der Rohstoffpreise und einer Phase politischer Unstimmigkeiten blieben Verbrauch, Produktion und Umsätze in den vergangenen Jahren immerhin stabil. Die Chemieindustrie ist eng mit dem Bergbausektor verbunden und daher anders aufgestellt als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Anorganische Produkte machen 55 Prozent des Chemieumsatzes und etwa 3 Prozent des Exportumsatzes Chiles aus. Das Exportvolumen anorganischer Chemikalien stieg 2017 um 22 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro an, wobei die Zielmärkte zu 80 Prozent außerhalb Lateinamerikas liegen. Dahingegen werden Pharmazeutika hauptsächlich importiert. 2017 nahm das Einfuhrvolumen um 16 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro zu.

 

Die Investitionen der Branche konzentrieren sich zunehmend auf die Produktion von Lithiumcarbonat. Durch die Umstellung auf Elektromobilität wird der globale Bedarf drastisch ansteigen. 70 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen konzentrieren sich auf das Dreiländereck Chile, Argentinien und Bolivien. Trotz der von Bolivien geplanten Großanlage mit einem Abbaukomplex von 40 Quadratkilometern wird Chile vorerst Weltmarktführer bleiben. Weitere Investitionsprojekte beziehen sich auf Natrium und Kaliumnitrate.

 

 

Argentiniens Chemie- und Pharmaindustrie erwartet den Aufschwung

 

Argentinien will seinen Anteil von derzeit 16 Prozent am weltweiten Lithiummarkt ausbauen. Nach dem US-Konzern FMC und dem australischen Unternehmen Orocobre wird das Joint Venture von SQM, dem globalen Marktführer aus Chile, und der kanadischen Gesellschaft Lithium Americas 2019 die Produktion in Argentinien aufnehmen. Insgesamt befinden sich 38 Projekte in der Pipeline.

 

Die wieder steigende Nachfrage aus dem Inland sowie aus dem wichtigen Absatzmarkt Brasilien kurbelt die Produktion von petrochemischen Grundstoffen allmählich wieder an. Investitionen schieben die Unternehmen aufgrund der politischen Unsicherheit im Land und in Brasilien jedoch weiter auf. Ebenso wie Brasilien und Mexiko wirbt Argentinien um Investoren für das nächste große Petrochemieprojekt der Region nach Etileno XXI in Mexiko. Besondere Wachstumsimpulse gibt es für Agrarchemikalien. Bis 2025 soll sich der Düngerbedarf verdoppeln, was für einen starken Anstieg der Phosphatimporte aus Russland spricht.

 

Sowohl in der klinischen Forschung als auch in der Biotechnologie ist Argentinien weiter als viele andere Schwellenländer. Die Pharmaindustrie ist mit etwa 190 Produktionsbetrieben relativ gut aufgestellt, produziert allerdings zu 90 Prozent für den lokalen Markt. Bislang führte die wirtschaftliche Erholung zu keinen neuen Wachstumsimpulsen. Nach einem erneut schwachen Jahr 2017 erwarten die Pharmahersteller ab 2018 Wachstum.

 

 

Nachfrageschwäche der Region bremst den Produktionsstandort Kolumbien

 

Kolumbiens Chemieindustrie konzentriert sich auf die Produktion von Konsumchemikalien und Pharmazeutika. Viele multinationale Konzerne stellen Körperpflegemittel, Kosmetika und Reinigungsmittel in Kolumbien her. Attraktive Bedingungen lockten Investitionen zahlreicher Pharmakonzerne ins Land. Durch die staatliche Begrenzung der Medikamentenpreise verschlechterte sich das Klima jedoch. Während die wachsende Mittelschicht die Nachfrage auf dem Inlandsmarkt stützt, spüren Exporteure den Absatzrückgang in den Nachbarländern Venezuela und Ecuador. Immerhin kam es 2017 zu einem leichten Anstieg. Deutlich stärker stieg die Produktion der petrochemischen Industrie, die vom Ausbau der Raffinerie in Cartagena profitiert.

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