Gute Chancen für Solar- und Windenergieentwickler in Lateinamerika

Autorin: Anne Litzbarski, Germany Trade & Invest

Ehrgeizige Ausbauziele / Modernisierung der Stromnetze

Santiago de Chile (GTAI) - Lateinamerika setzt auf erneuerbare Energien. Die Ausbauziele sind ambitioniert. Stromgewinnung aus Solarkraft ist eine der lukrativsten Optionen auf dem sonnenverwöhnten Kontinent. Auch Windkraft ist stark im Kommen. „Energienationalismus“ wird in Lateinamerika zunehmend Geschichte: Regionen und Staaten verbinden ihre Strom- und Gasnetze, stehen damit aber noch ganz am Anfang.

 

Trotz optimaler natürlicher Voraussetzungen für die Stromerzeugung importieren viele Länder Lateinamerikas Energie. Und obwohl erneuerbare Quellen oft ohne Subventionen wettbewerbsfähig sind, setzen sie sich erst spät durch. Rohstoffe, insbesondere Öl und Gas, sind für die Regierungen in der Region wichtig. Eigene Öl- oder Gasgesellschaften galten lange als Zeichen nationaler Souveränität und die Einnahmen der staatlichen Ölgesellschaften finanzierten große Teile des öffentlichen Haushalts. Zudem verhinderte die Verstaatlichung dieser Branche einen starken Einfluss multilateraler Konzerne.

 

In den Staaten, in denen ausländischen Unternehmen der Zugang zum strategisch wichtigen Energiesektor verwehrt bleibt, steht deren Kapital nicht für Investitionen zur Verfügung, was Innovationen mindert. Auch wegen hoher Abgaben, zu denen beispielsweise die mexikanische Regierung den verstaatlichten Mineralölkonzern Petróleos Mexicanos (PEMEX) zwang, blieb die Exploration neuer Öl- und Gaslagerstätten aus. Die drei wichtigsten Ölförderländer Lateinamerikas sind Brasilien, Venezuela und Mexiko. Doch längst nicht alle Staaten verfügen über Öl- und Gasvorkommen. Unter anderem Argentinien, Chile, Uruguay und Paraguay importieren diese Rohstoffe. Insgesamt steigt der Energiebedarf in Lateinamerika, auch wenn er in Staaten mit Konjunkturflauten zeitweise gesunken ist.

Länder wollen unabhängiger von Energieimporten werden

 

Heute sind die Rahmenbedingungen für die Erschließung alternativer Energiequellen attraktiver. Das liegt vor allem am neuen Fokus der meisten Regierungen auf einer größeren Unabhängigkeit von Importen sowie neuen Finanzierungsmodellen. Argentinien, Brasilien und Chile gelang es, die Preise zu senken, indem sie Energielieferungen ausschrieben, damit Wettbewerb einführten und private Akteure zuließen. Beispielsweise waren Ende 2017 in der dritten Ausschreibungsrunde der mexikanischen Elektrizitätswirtschaft erstmals nicht nur der Staatskonzern CFE als Käufer zugelassen, sondern auch private Stromabnehmer. Die jüngsten Ausschreibungen der Regierung zeigen, dass Projekte mit alternativen Quellen preislich wettbewerbsfähig sind.

 

Große Möglichkeiten werden der Windkraft zugeschrieben. Das argentinische Patagonien zählt zu den windreichsten Gegenden der Welt. Die günstigste Form der Stromerzeugung ist in vielen Gegenden Südamerikas derzeit die Fotovoltaik. Die Kombination von hoher Sonneneinstrahlung mit stark gesunkenen Preisen für Fotovoltaikmodule führte zu einem Solarboom, dessen Spitze in Chile allerdings schon erreicht ist.

 

 

Nachfrage nach Aufdachanlagen boomt in Brasilien

 

In Brasilien soll der Plan von 2017 bis 2026 die Stromerzeugungskapazitäten von 148,4 Gigawatt (Ende 2016) auf 212,5 Gigawatt erhöhen. Er geht von einer Steigerung der Kapazität großer Wasserkraftwerke um 13,8 Gigawatt, von Kohle/Öl/Gas um 2,3 Gigawatt und von Atomkraft um 1,4 Gigawatt aus. Mit einem prognostizierten Ausbau um insgesamt 34,5 Gigawatt gewinnen kleine Wasserkraftwerke, Biomasse, Windkraft und Solarenergie stark an Bedeutung. Der Plan sieht bis 2026 weitere 12,2 Gigawatt Kapazität vor, um die Versorgung zu jeder Zeit sicherzustellen. Dies kann alternativ über Batterien, Pumpspeicherkraftwerke, Gasturbinenkraftwerke oder auch entsprechende Anreize im Stromverbrauch gewährleistet werden. Bis 2026 soll der Anteil an der Stromerzeugung für Windenergie von derzeit 6 Prozent auf 12 Prozent und für Solarenergie von 0 Prozent auf 2 Prozent steigen.

 

Mit dem niedrigeren Stromverbrauch während der Wirtschaftskrise verzögerte sich die Vergabe von Stromlieferverträgen und somit auch der Ausbau von großen Solar- und Windparks. Die zunehmende Abkehr von Wasserkraftwerken eröffnet gute Aussichten für die Erneuerbaren: So untersagte die Umweltbehörde den Bau des Großprojekts São Luiz do Tapajós mit einer Kapazität von rund 8 Gigawatt. Ohne Tapajós muss in dem Zehnjahresplan bis 2026 umdisponiert werden.

 

Hohe Strompreise und ein spezielles Förderprogramm kamen der dezentralen Erzeugung in Brasilien zugute. Insgesamt 80 Prozent der Investoren sind Haushalte, aber auch Handelsunternehmen investieren verstärkt in Klein- und Kleinstanlagen. Der Branchenverband Absolar erwartet bis 2030 einen Ausbau der installierten Kapazität in der dezentralen Stromerzeugung auf 8 Gigawatt. Gute Chancen bieten sich Anbietern von Aufdachanlagen. Absolar schätzt das technische Potenzial der Anlagen in Haushalten auf 164 Gigawatt.

 

 

Chile will eigene Ziele beim Ausbau Erneuerbarer übertreffen

 

Bei Aufdachanlagen ist Brasilien einen Schritt weiter als Chile, das sonst als Vorzeigeland der lateinamerikanischen Solarbranche gilt. Der Anteil der Sonnenkraft am Strommarkt vergrößert sich in Chile ständig: 2014 existierten fünf Solaranlagen, Anfang 2018 schon 77. Der enorme Erfolg fußt bislang vor allem auf dem Zubau von großen Freiflächenanlagen im Norden des Landes. Etwa 61 Prozent der Anlagen erneuerbarer Energien entfallen auf derartige PV-Freiflächenanlagen. Der Anteil der regenerativen Träger an der installierten Stromerzeugungskapazität hat sich seit 2012 mehr als verdreifacht. Ende 2017 lag er mit 4,3 Gigawatt bei 18 Prozent (große Wasserkraftanlagen ausgenommen) von insgesamt 23 Gigawatt Gesamtkapazität. Deshalb erwarten Experten, dass das Ausbauziel schon früher erreicht wird: Das Andenland möchte bis 2025 den Anteil an der Stromerzeugung auf 20 Prozent steigern und auf 70 Prozent bis 2050.

 

Laut dem jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) erhöhten sich die Investitionen in die Stromerzeugung aufgrund neuer Gesetze. Diese führten unter anderem technologieneutrale Ausschreibungen ein. Die verstärkte Rolle des chilenischen Staates bei der Energieplanung habe dazu beigetragen, die Projektentwicklung zu fördern, weil private Firmen jetzt besser planen können. Die IEA geht von einem kräftigen Ausbau von Solar- und Windenergie aus, da die Technologiekosten sinken.

 

 

Frischer Wind auf Argentiniens Energiemarkt

 

In Argentinien nimmt der Ausbau der alternativen Energien nach einem schwierigen Anlauf Fahrt auf. Ihr Anteil an der Stromversorgung (ohne große Wasserkraftwerke) soll von 1,9 Prozent (2015) beziehungsweise 2 Prozent (2016) auf 20 Prozent im Jahr 2025 steigen. Außerdem verabschiedete sie 2017 ein Einspeisegesetz, das interessante Perspektiven eröffnet. In den bisherigen Ausschreibungsrunden erhielten vor allem Wind- und Fotovoltaikvorhaben den Zuschlag. Die Regierung setzt den Abbau der Subventionen und die entsprechende Anhebung der Preise für die Verbraucher fort.

 

Bis 2025 müssen in Argentinien rund 21 Gigawatt an zusätzlicher Erzeugungskapazität ans Netz gehen, um die jährlich um rund 4 Prozent wachsende Stromnachfrage zu decken. Heute sind 37 Gigawatt installiert. Um die Grundversorgung sicherzustellen, sollen bis 2025 zwischen 5 und 7 Gigawatt von zusätzlichen Wärmekraftwerken bereitgestellt werden (geplante Investitionen 4 Milliarden bis 5,4 Milliarden US$). Die neuen Wärmekraftwerke sind alle für den Gasbetrieb geplant, teils als Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Bau von großen Wasserkraftwerken, die bis 2025 rund 3 Gigawatt an neuer Kapazität liefern sollen (Gesamtinvestitionen: 10 Milliarden US$).

 

 

Mexiko will Stromübertragung optimieren

 

Auch in den Stromausschreibungen in Mexiko gingen Wind- und Fotovoltaikprojekte als Gewinner hervor. Die Liberalisierung der Elektrizitätswirtschaft beflügelt den Sektor und macht gleichzeitig Investitionen in das Übertragungsnetz erforderlich. Angesichts zahlreicher neuer Kraftwerksprojekte muss der staatliche Versorger Comisión Federal de Electricidad (CFE) das nationale Stromnetz modernisieren. Das wichtigste Ausbauvorhaben im Stromnetz ist die 1,2 Milliarden US$ teure Trasse von der Landenge Istmo de Tehuantepec im Bundesstaat Oaxaca in das Landeszentrum. Neben neuen Leitungen sollen die Übertragungsverluste des bestehenden Netzes von momentan 12,5 auf 4 Prozent sinken.

 

Perus Energiesektor entwickelt sich dynamisch. In den ersten Jahren dieses Millenniums war der Strombedarf gering; die Versorgung basierte auf Wasserkraft und Erdölimporten. Zu dieser Zeit war die Produktion von Erdgas extrem begrenzt. Heute gehört Peru zu den führenden Erdgasproduzenten der Region und ist ein wichtiges Investitionsziel für ausländische Unternehmen.

 

 

Erneuerbare Energien in Kolumbien erst langsam im Kommen

 

Kolumbiens installierte Kapazität zur Stromerzeugung lag Anfang 2018 bei 17,8 Gigawatt, wovon auf Wasserkraft 65 sowie auf Kohle- und Gaskraftwerke 28 Prozent entfielen (jeweils größere Anlagen). Die Wärmekraftwerke dienen der Gewährleistung der Versorgung und laufen normalerweise nicht mit voller Kraft. Die restlichen 7 Prozent produzieren kleine Wasser- und Wärmekraftwerke. Solar- und Wind- energie spielen mit einer Kapazität von 28 Megawatt noch eine untergeordnete Rolle.

 

Die Regierung prognostiziert bis 2028 eine Ausweitung der Kapazität zur Stromerzeugung auf 25 Gigawatt, erzielt vor allem durch neue große Wasserkraftwerke. Die Erneuerbaren sollen auf rund 2 Gigawatt ausgebaut werden. Die nationale Energieplanungsbehörde UPME empfiehlt den Bau von Wärmekraftwerken, um die Abhängigkeit von der Wasserkraft – und damit das Risiko von Stromausfällen – zu reduzieren. Die reichen Vorkommen an Kohle, bislang hauptsächlich exportiert, sollen vermehrt zur lokalen Stromerzeugung beitragen.

 

In der Startphase des Ausbaus von alternativer Energie sind einige kleine Staaten oder Inseln. Vor dem Hintergrund geringer konventioneller Ressourcen haben sich etwa die Bahamas zum Ziel gesetzt, bis 2033 mindestens 30 Prozent der Energie aus grünen Quellen zu gewinnen. Die installierte Gesamtkapazität liegt bei 580 Megawatt und der Anteil der regenerativen Energie bei nahezu 0 Prozent. Wegen der konstanten Sonneneinstrahlung spezialisieren sich die Inseln ebenfalls auf Solarenergie.

 

 

Investitionen in Integration der Netze erforderlich

 

Angesichts zahlreicher neuer Kraftwerksprojekte modernisieren viele Staaten ihre Stromnetze. Darunter fallen der Ausbau und die Schaffung dezentraler Versorgungseinrichtungen. Hochspannungsleitungen zwischen Nachbarländern sind geplant, unter anderem zwischen Kolumbien und Ecuador, Peru und Bolivien, Peru und Chile sowie Bolivien und Argentinien. Wie realistisch diese sind, lässt sich schwer einschätzen. Ein lateinamerikanisches Energienetz oder sogar ein Energiebinnenmarkt ist noch Zukunftsmusik.

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