Gesundheitsmärkte müssen fit für neue Herausforderungen werden

Autorin: Jenny Eberhardt, Germany Trade & Invest

Steigende Nachfrage treibt Wachstum an / Digitale Lösungen sollen Effizienz steigern

Bonn (GTAI) - Die lateinamerikanischen Gesundheitssysteme sehen sich mit wachsender Nachfrage bei gleichzeitig hohem Kostendruck konfrontiert. Die öffentlichen Systeme sind überlastet. Viele Regierungen setzen daher stärker auf den Privatsektor sowie IT-basierte Lösungen, die zur Effizienzsteigerung beitragen sollen. Die Pharmabranche soll auch in den kommenden Jahren kräftig wachsen. Medizintechnik wird überwiegend importiert.

 

Lateinamerika muss sein Gesundheitswesen weiter ausbauen und modernisieren. Zu den größten Herausforderungen gehören laut einer aktuellen Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IADB) der vielerorts fehlende Zugang zu medizinischen Dienstleistungen, die hohe Zentralisierung der Gesundheitsdienste, unzureichende Kapazitäten zur Prävention, Erkennung und Behandlung von chronischen und degenerativen Krankheiten sowie die Inklusion von Menschen mit Behinderung.

 

Erhebungen der Economist Intelligence Unit zufolge sollen 2018 in Lateinamerika 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Gesundheitsausgaben fließen, was etwas weniger als der Durchschnitt der letzten Jahre wäre. Damit liegt der Anteil um 0,5 Prozentpunkte höher als in der Region Asien/Pazifik; aber deutlich unter dem von Westeuropa (10,5 Prozent) und den USA (16,7). Die Ratingagentur Moody’s rechnet 2018 mit steigenden Investitionen in Lateinamerikas Gesundheitswesen. Als Gründe dafür nennt Moody’s die alternde Bevölkerung, den besseren Zugang zu Produkten und Dienstleistungen sowie neue Technologien. Auch das Marktforschungsunternehmen BMI Research prognostiziert steigende Umsätze in dem Sektor. Besonders dynamisch sollen sich Chile und Peru entwickeln, mit einem prognostizierten Wachstum von mehr als einem Drittel zwischen 2018 und 2021.

Die steigende Nachfrage der alternden und gleichzeitig weiter wachsenden Bevölkerung Lateinamerikas nach Gesundheitsleistungen setzt die Regierungen unter Druck. Die öffentlichen Systeme sind vielerorts chronisch unterfinanziert. Geringere Einnahmen durch gesunkene Rohstoffpreise haben fast alle lateinamerikanischen Länder zu Sparmaßnahmen gezwungen. Angesichts des erhöhten Kostendrucks rücken technologiebasierte Lösungen zur Effizienzsteigerung in den Fokus. Die IADB identifiziert in einer Studie zu Innovationen im Gesundheitssektor vier zentrale Zukunftstrends für Lateinamerikas Gesundheitswirtschaft: Telemedizin (vor allem Telemonitoring), Wearables (tragbare Computersysteme), die Nutzung von Biowerkstoffen (zum Beispiel zur Herstellung von Prothesen oder Implantaten) sowie die virtuelle Ausbildung von Gesundheitspersonal (Fernschulungen, virtuelle Umgebungen, erweiterte Realität).

 

 

Ausländische Medizintechnik weiterhin stark gefragt

 

Die zunehmende Nachfrage in der Region spiegelt sich auch in der Entwicklung der Einfuhr von Medizintechnik der letzten Jahre wider. Die meisten Länder Lateinamerikas sind in diesem Bereich stark von Importen abhängig. Lediglich Brasilien produziert viel für den Eigenbedarf. Mit Abstand wichtigster Lieferant ist die USA, Deutschland konkurriert in vielen Ländern mit der VR China um Rang 2.

Gut sind die Aussichten auf den lateinamerikanischen Pharmamärkten. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts BMI Research stieg der Branchenumsatz 2017 um 11 Prozent und erreichte damit ein Marktvolumen von 64 Milliarden US-Dollar (U$). Bis 2021 sollen die Umsätze jährlich um 7 Prozent auf 81 Milliarden US$ wachsen. Die besten Absatzchancen bieten sich in Lateinamerikas größten Volkswirtschaften Brasilien und Mexiko. Der Verkauf von Generika steigt in der gesamten Region schneller als der des restlichen Pharmamarktes.

 

 

In Brasilien geht dem öffentlichen Gesundheitssektor die Luft aus

 

In Lateinamerikas größtem Markt Brasilien verloren durch die Rezession nahezu 3 Millionen Menschen mit ihrem Arbeitsplatz auch ihre private Krankenversicherung. Die Zahl der Privatversicherten fiel bis März 2017 auf das Niveau aus dem Jahr 2012 von 47,6 Millionen zurück. Damit wächst die Überlastung des öffentlichen Gesundheitswesens. Brasiliens Gesundheitsmarkt ist zersplittert, mit der Öffnung für ausländische Investoren Anfang 2015 setzte allerdings ein Konsolidierungsprozess ein. Effizienzsteigernde Maßnahmen liegen im Trend. Das kommt insbesondere IT-Anbietern zugute. Fast alle privaten und auch einige öffentliche Krankenhäuser verfügen über Systeme für Telemedizin, Gesundheits-Apps strömen auf den Markt. Die vom Gesundheitsministerium vorangetriebene Digitalisierung der Patientenakte soll Ende 2018 abgeschlossen sein.

 

Brasiliens Pharmasektor profitiert von der Alterung der Gesellschaft und einem steigenden Gesundheitsbewusstsein. Die Verkäufe von Pharmazeutika legten 2017 trotz Wirtschaftskrise wie schon in den beiden Vorjahren zweistellig zu: Der Verkauf von Medikamenten stieg im Zwölfmonatszeitraum bis November 2017 um 10,2 Prozent, der von Generika um 14,7. Die Nachfrage nach Medizintechnik sowie die Importe steigen nach zwei Jahren starken Rückgangs wieder. Dabei gewinnt der private Sektor als Abnehmer an Bedeutung. Deutschland wurde von der VR China auf Platz 3 der wichtigsten Lieferländern gedrängt, Rang 1 besetzen die USA.

 

 

Kostendruck erfordert neue Strategien in Mexiko

 

In Mexiko sorgen chronische Krankheiten und eine alternde Gesellschaft sowie mehr Versicherte im öffentlichen System und das Aufkommen privater Krankenversicherungen für eine starke Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Im Jahr 2018 wird der Umsatz um 7 Prozent auf 72,5 Milliarden US$ steigen, prognostiziert BMI Research. Das öffentliche Gesundheitssystem ist reformbedürftig. Dringend notwendig sind Investitionen in elektronische Informationssysteme und in die Modernisierung von Ausrüstung. Die Regierung setzt aufgrund der schlechten Haushaltslage verstärkt auf öffentlich-private Partnerschaften, um den Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur zu leisten.

 

Mexiko ist ein wichtiger Produzent von Medizintechnik, bei den Produkten handelt es sich allerdings vorwiegend um Komponenten und Verbrauchsgüter, die für den Export bestimmt sind. Etwa 80 Prozent der im Land eingesetzten Geräte werden importiert, rund zwei Drittel davon stammen aus den USA. Die hohen Branchenimporte erklären sich unter anderem durch die vielen Komponenten, welche US-Firmen zur Produktion in Mexiko einführen. Deutschland liegt hinter der VR China auf Platz drei der wichtigsten Lieferländer.

 

 

Chile setzt auf Digitalisierung

 

In Chile ist das öffentliche Gesundheitssystem hoch verschuldet, die Krankenhausinfrastruktur mangelhaft. Der im Dezember 2017 neu gewählte Präsident Sebastián Piñera hat einen Plan zur Verbesserung des Gesundheitswesens vorgelegt. Unter anderem sollen die medizinische Grundversorgung ausgebaut, Wartezeiten verringert und Preise für Medikamente gesenkt werden. Weiterhin will Piñera ein Netz von Exzellenzkliniken aufbauen und die privaten Dienstleistungen erweitern. Im Jahr 2018 soll der Umsatz der Branche laut BMI Research bei 26,7 Milliarden US$ liegen - rund 3 Milliarden US$ höher als im Vorjahr.

 

Digitale Lösungen sind auch in Chile angesagt. Präsident Piñera will die elektronische Patientenakte einführen und in Telemedizin investieren. Das 2009 in der Hauptstadt Santiago gegründete Unternehmen AccuHealth war Vorreiter auf diesem Gebiet und ist mittlerweile auch in Kolumbien und Mexiko aktiv. Die nächsten Ziele sind Argentinien und Brasilien. Medizintechnik wird in Chile fast ausschließlich importiert. Deutschland ist nach den USA zweitwichtigster Lieferant.

 

 

Argentinien modernisiert sein Gesundheitssystem

 

Argentinien gilt als einer der vielversprechendsten Gesundheitsmärkte Lateinamerikas. Laut BMI Research soll der Umsatz der Branche zwischen 2018 und 2021 um fast ein Viertel auf 35,5 Milliarden US$ steigen (Prognose für 2018: 28,8 Milliarden US$). Seit seinem Amtsantritt Ende 2015 bringt Präsident Mauricio Macri das Land zurück auf einen marktliberalen Kurs. Im August 2016 legte Macri einen ambitionierten Reformplan für das Gesundheitssystem vor, der rund 1 Milliarde US$ kosten soll. Unter anderem sollen 15 Millionen Argentinier, die bisher nicht über eine Gewerkschaft oder privat versichert sind, eine Krankenversicherung erhalten und mehr telemedizinische Dienste eingeführt werden.

 

Kritiker befürchten, dass die Reform durch die geplante Privatisierung zahlreicher Leistungen einen schrittweisen Abbau des bisherigen kostenlosen Gesundheitssystems bedeutet. Die landesweite Umsetzung des Plans geht bisher nur stockend voran. Erste Erfolge wurden beim Abbau von Importrestriktionen für Medizintechnik erzielt, was der steigenden Nachfrage im Land entgegen kommt. Gute Aussichten bieten sich auch für die Pharmabranche: Allein 2018 soll der Verkauf von Pharmazeutika laut BMI um 15 Prozent zulegen, zwischen 2018 und 2021 um weitere 28 Prozent. Deutschland ist drittwichtigster Arzneimittellieferant Argentiniens.

 

 

Kolumbien braucht wieder mehr Medizintechnik

 

Der Gesundheitssektor in Kolumbien leidet unter dem schwachen Peso und Finanzierungsproblemen. Dennoch soll der Sektor in den kommenden Jahren wachsen: Während das Marktvolumen 2015 noch bei rund 22 Milliarden US$ lag, prognostiziert BMI Research für 2018 bereits 26 Milliarden US$ und bis 2021 einen Anstieg auf 32 Milliarden US$.

 

Aufgrund der schwächeren Wirtschaftslage ging die Nachfrage nach Medizintechnik in den letzten Jahren zurück, dürfte aber Prognosen zufolge bis 2020 deutlich anziehen. Grund dafür ist der große Bedarf bei der Modernisierung von öffentlichen Krankenhäusern und beim Ausbau der medizinischen Infrastruktur auf dem Land. Auch die wachsende Bevölkerung wird den Absatz antreiben. Aufgrund der Zuwanderung aus Venezuela wird die Marke von 50 Millionen Einwohnern schon 2018 erreicht und nicht wie zunächst prognostiziert erst 2020. Kolumbien importiert 87 Prozent seiner Medizintechnik, vor allem Hightech-Geräte; die lokale Produktion ist schwach. Laut dem Fachverband für medizinische Geräte und Materialien ANDI lagen die Importe des Sektors 2016 rund 18 Prozent unter ihrem bisherigen Rekordniveau aus dem Jahr 2014. Im 1. Quartal 2017 zeigten sie mit +3 Prozent erstmals wieder leicht nach oben. Deutsche Lieferanten liegen mit einem Marktanteil von rund 14 Prozent auf Rang zwei der wichtigsten Importeure nach den USA (30 Prozent).

 

 

Peru will öffentliche Gesundheitsversorgung ausbauen

 

Durch höhere Investitionen in das öffentliche Gesundheitssystem in Peru soll vor allem die medizinische Grundversorgung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen verbessert werden. Konkret geplant sind der Bau neuer und die Ausstattung bestehender Krankenhäuser, eine Rentenreform sowie eine flächendeckende Krankenversicherung. Auch in den kommenden Jahren sollen die Investitionen steigen. Der Umsatz des Gesundheitssektors wird BMI Research zufolge 2018 bei 13,3 Milliarden US$ liegen, 9 Prozent mehr als im Vorjahr.

 

Die Regierung bemüht sich, nichttarifäre Handelshemmnisse bei der Einfuhr von Pharmazeutika zu beseitigen. Angestrebt wird etwa die automatisierte Registrierung von Produkten. Der Markt für Medizintechnik wächst bereits seit Jahren, die meisten Produkte kommen aus dem Ausland. Deutsche Anbieter genießen einen guten Ruf.

© Copyright 2018. Alle Rechte vorbehalten LAI.