Agrarproduktion bleibt auf Wachstumskurs

Autor: Carl Moses, Germany Trade & Invest

Potenzial der Region ist längst nicht ausgeschöpft / Mercosur hofft auf bessere Absatzchancen in der EU

Buenos Aires (GTAI) - Lateinamerika ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Speisekammer der Welt geworden. Die Wachstumsaussichten für Produzenten und deren Zulieferer bleiben positiv. Zwar sind die Exportpreise gegenüber den Boomjahren gefallen. Doch die wettbewerbsfähigen Südamerikaner setzten neben Flächenwachstum auf die Steigerung der Produktivität durch eine rasch fortschreitende Digitalisierung des Anbaus. Erforderlich sind zudem Investitionen in die Verbesserung der Transportinfrastruktur.

 

Die Nachfrage nach Lateinamerikas Agrarrohstoffen bleibt auf Wachstumskurs. Der Appetit Chinas und anderer Schwellenländer auf südamerikanische Agrarprodukte, der das Wachstum in den letzten 15 Jahren getragen hat, dürfte anhalten. Gegenüber der zurückliegenden Dekade wird sich das Nachfragewachstum in den nächsten zehn Jahren allerdings deutlich verlangsamen. Laut Prognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) und der UN-Ernährungsorganisation FAO wird der weltweite Nahrungsmittelkonsum vornehmlich mit dem Bevölkerungswachstum zunehmen und nur noch in geringerem Umfang von steigenden Pro-Kopf-Einkommen getrieben.

 

So wird die weltweite Produktion von Sojabohnen im Zeitraum 2017 bis 2026 laut OECD und FAO nur noch um 1,9 Prozent jährlich zunehmen, gegenüber 4,9 Prozent per annum in den zurückliegenden zehn Jahren. Südamerika wird jedoch weiterhin ein überdurchschnittliches Wachstum der Sojaproduktion verzeichnen. Auch am Wachstum der globalen Fleischerzeugung, die bis 2026 laut OECD/FAO um 13 Prozent zunehmen wird, dürften die Südamerikaner einen überdurchschnittlich hohen Anteil haben. Die Agrarproduktion Lateinamerikas ist breit diversifiziert. Auf Grund ihrer geografischen Lage können Länder wie Chile, Peru und Argentinien zudem gerade dann ernten, wenn in Europa und Nordamerika der Winter die Ausbringung stoppt.

 

Anders als die meisten anderen Regionen der Welt verfügt Lateinamerika über ausreichende Süßwasservorkommen und Potenzial für eine Erweiterung der Anbau- flächen. Viele Länder Lateinamerikas verdienen im Agrarsektor die Devisen, die sie zur Finanzierung ihrer Defizite im Außenhandel mit Industriewaren benötigen. Brasilien und Argentinien sind weltweit die Volkswirtschaften mit den höchsten Überschüssen im Außenhandel mit Nahrungsmitteln.

Die Preise von Agrarrohstoffen, die nach dem Höhenflug der Nullerdekade in den vergangenen Jahren gesunken waren, haben zuletzt wieder angezogen. Für 2018 erwartet die Bank Bradesco einen Anstieg der Agrarpreise um 5 Prozent. Dass klimabedingte Ernteausfälle in Argentinien im Februar 2018 zu einem Anstieg der Soja- und Maispreise in Chicago führten, zeigt die Bedeutung Südamerikas für den Weltmarkt vieler Agrarprodukte. Bei Soja erbringt die Mercosur-Region (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) schon jetzt etwa die Hälfte der Weltproduktion. Brasilien allein ist bei einem halben Dutzend landwirtschaftlicher Erzeugnisse Weltmarktführer (Sojabohnen, Fleisch, Zucker, Tabak, Kaffee und Orangensaft). Argentinien liegt nicht weit dahinter zurück und ist führend im Export von Sojaöl und -mehl, Birnen und Zitronensaft.

 

 

Der Mercosur will liefern und kaufen

 

Große Hoffnungen in einen Abschluss des seit bald zwei Jahrzehnten verhandelten Abkommens zwischen der EU und dem Mercosur setzt vor allem die Fleischindustrie des südamerikanischen Wirtschaftsverbundes. Bei vielen weiter verarbeiteten Lebensmitteln müssen die Südamerikaner allerdings eher die europäische Konkurrenz fürchten. Brasilien und Argentinien, die beiden führenden Agrarproduzenten der Region, verzeichneten 2017 Rekordernten von Getreide und Ölsaaten, mit 238 Millionen Tonnen in Brasilien und 136 Millionen Tonnen in Argentinien.

 

In Brasilien wird das durchschnittliche Wachstumstempo des Agrarsektors bis 2023 bei jährlich 3,5 Prozent liegen, prognostiziert die Bank Bradesco. Der Export von Rindfleisch soll 2018 um 5 Prozent zulegen, Schweine- und Hühnerfleisch um 3 Prozent. Nach einem Preisanstieg steigert die Ethanolindustrie ihre Investitionen in den Zuckerrohranbau, aber auch in neue Anlagen für Ethanol aus Mais. Die Weltnachfrage und gestiegene Preise animieren den Zellstoff- und Papiersektor. Brasilien kann 2018 überdies mit einer Rekordernte von Kaffee rechnen.

 

In Argentinien hat kein anderer Wirtschaftszweig so schnell und so positiv auf die geänderten Rahmenbedingungen unter der seit Ende 2015 amtierenden Macri-Regierung reagiert wie die Landwirtschaft. Die Abschaffung der Exportsteuern und anderer Ausfuhrhemmnisse hat zusammen mit der Freigabe des Devisen- und Kapitalverkehrs einen neuen Aufschwung in Argentiniens exportstärkstem Sektor eingeläutet. Vor allem die Exportklassiker Weizen, Mais und Rindfleisch feiern ein Comeback, die Dominanz von Soja schwächt sich ab.

 

Im Schatten der Agrarriesen Brasilien und Argentinien sollten die kleinen Nachbarländer nicht übersehen werden. So haben Paraguay und Uruguay beim Export von Rindfleisch in den vergangenen Jahren selbst den großen Nachbarn Argentinien überholt. In Paraguay ist die Wirtschaft wie in keinem anderen Land der Region vom Agrarsektor abhängig. Allein die Primärerzeugung trägt 22 Prozent zum BIP bei, zwei Drittel der gesamten Exporterlöse kommen aus der Landwirtschaft, vornehmlich Soja. Neben Paraguay und Bolivien ist auch Uruguay in der letzten Dekade immer stärker auf die lukrative Produktion von Soja umgestiegen. Besonders expansiv ist in Uruguay die Forstwirtschaft. So ist bereits der Bau einer dritten Großanlage für die Produktion von Zellstoff geplant.

 

 

Digital Farming auf dem Vormarsch

 

Kennzeichnend für den Ackerbau im Mercosur ist die Anbautechnik der Direktsaat. Bei dieser kostensparenden und umweltschonenden Technik wird der Boden vor der Aussaat nur minimal bearbeitet und das Saatgut direkt in den Boden eingebracht. Die Produzenten setzen zudem überwiegend auf genverändertes Saatgut, das gegen bestimmte Herbizide resistent ist. So können Unkräuter durch das „Totalherbizid“ Glyphosat leicht eliminiert werden. Dieses Technologiepaket hat die Hektarerträge enorm steigen lassen. Weitere Produktivitätsgewinne bringt die rasch zunehmende Nutzung digitaler Technologien zur optimalen Ausbringung von Agrarchemikalien. Der großflächige Einsatz von Herbiziden, die häufig mit Sprühflugzeugen ausgebracht werden, stößt allerdings auch in Südamerika auf zunehmende Kritik von Umweltschützern, die Glyphosat als krebserregend einschätzen. Überdies nehmen Resistenzen gegen das Herbizid zu.

 

In Chile ist der Nahrungsmittelsektor die zweitwichtigste Exportbranche nach dem Kupferbergbau. Die Agrarwirtschaft hat sich auf Wein und Obst (insbesondere Tafeltrauben, Äpfel und Beeren) spezialisiert, der Fischereisektor trumpft vor allem mit Produkten aus Aquakulturen (Lachszucht). Die Holzwirtschaft hat ihren Schwerpunkt in der Weiterverarbeitung zu Zellulose, Papier und Spänen. Anfang 2018 waren alle Sektoren im Aufwind. Chiles Obst- und Gemüseproduzenten wollen in bessere Technologien investieren. Zudem expandiert die Produktion von „Superfood“ (Amarant, Algen, Heidel- und Maqui-Beeren, Chia, Quinoa) sowie von Lebensmitteln aus zertifiziertem, ökologischem Anbau. Ein Unruheherd sind Landkonflikte mit dem indigenen Volk der Mapuche.

 

Auch in Peru bietet der Agrarsektor vielfältige Wachstumschancen. Gerade im Vergleich zum Nachbarland Chile ist das Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Während die Herstellung klassischer Exportschlager wie Kaffee und Kakao unter mangelhafter Infrastruktur und geringen Investitionen leiden, entwickeln sich neue Sparten wie die Erzeugung von Bioprodukten und Spezialitäten (Quinoa) sehr dynamisch. Perus Exporte von Früchten - unter anderem  Avocados, Mangos und Blaubeeren - stiegen 2017 um 20 Prozent auf mehr als 2 Milliarden US-Dollar. Neben dem Export gewinnt der aufgrund steigender Einkommen kräftig wachsende Inlandskonsum an Bedeutung. Für die Ausweitung der Anbauflächen setzt das Land auf die Verbesserung der Bewässerungstechnik in Wüstenregionen, vornehmlich durch wassersparende Tropfbewässerung.

 

 

Frieden schafft Hoffnung in Kolumbien

 

Große Hoffnungen für einen Aufschwung der Landwirtschaft in Kolumbien ruhen vor allem auf den Auswirkungen des 2016 vereinbarten Friedensabkommens zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla. Mit mehr Geld könnte im zuvor unsicheren Tiefland des kolumbianischen Ostens eine hochentwickelte Agrarindustrie nach dem Vorbild Brasiliens entstehen. Bislang ist Kolumbiens Agrarsektor nicht sehr produktiv, da wenig Technologie zum Einsatz kommt, die Kosten für Düngemittel und Transport hoch sind und kleinbäuerliche Strukturen überwiegen. Die Erzeugung von Kaffee, dem wichtigsten Agrarexportgut des Landes, stabilisierte sich 2017 auf hohem Niveau, die Exporte stiegen um knapp 11 Prozent. Andere wichtige Agrargüter in Kolumbien sind Palmöl, Bananen und Schnittblumen.

 

In Mexiko führt eine Professionalisierung der Landwirtschaft dazu, dass das Land seine hervorragenden natürlichen Voraussetzungen für den Anbau von Nutzpflanzen und die Tierzucht besser nutzen kann. Traditionelle Besitzstrukturen werden nach und nach aufgebrochen, so dass die Produzenten größere Flächen bearbeiten können. Mexiko macht indes eher durch seine Nahrungsmittelverarbeitung als durch die Primärproduktion von sich reden. Mexikanische Nahrungsmittelhersteller weiten durch neue Fabriken und Übernahmen ihre Aktivitäten im Ausland aus. Sorge bereitet die Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA.

 

Vom anhaltenden Wachstum des Agrarsektors in Südamerika profitieren Zulieferer wie die Hersteller von Landtechnik, die chemische Industrie und die Transportwirtschaft. In Brasilien wurden vor Ausbruch der schweren Wirtschaftskrise mehr Erntemaschinen verkauft als in ganz Westeuropa. In Argentinien boomt die Produktion von Pick-up-Kfz für die Farmer. Dringend erforderlich für das weitere Wachstum des Agribusiness ist überall in der Region der Ausbau der Infrastruktur für den Abtransport der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Großprojekte wie der transkontinentale „Ozean-Zug“ vom Atlantik zum Pazifik (Tren Bioceánico) oder die anlaufende Modernisierung des argentinischen Eisenbahnnetzes dienen vornehmlich der Senkung von Kosten und Transportzeiten für die Exporte der Agrarwirtschaft.

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